Smart Cities Interview

Es wird eng: Laut einer Studie der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 voraussichtlich knapp zehn Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben – fast 70 Prozent davon in Groß- und Megastädten. Um daraus resultierenden Herausforderungen wie beengten Wohnverhältnissen, Verkehrsinfarkten, Engpässen bei der Wasser-, Strom- und Nahrungsversorgung oder Umweltverschmutzung entgegenzuwirken, braucht es insbesondere zukunftsfähige digitale Lösungen. Dirk Krischenowski, Experte für digitale Kommunikationsinfrastrukturen im öffentlichen Sektor, erklärt, warum robuste IT-Infrastrukturen in den Konzepten der sogenannten „Smart Cities“ nicht fehlen dürfen.

Smart City Anwendungsbereiche

 „Smart Cities erhöhen die Lebensqualität der Bürger nachhaltig.“

 

Herr Krischenowski, Sie sind Berliner. Wie stellen Sie sich ihre Stadt als vollwertige Smart City vor?

Zunächst einmal gibt es in Berlin ja schon durchaus Ansätze, die Bestandteil einer Smart City sind. Vor ein paar Wochen zum Beispiel ging eine Meldung durch die Medien, dass die Berliner Verkehrsbetriebe ab dem Frühjahr 2018 auf dem Gelände der Charité die ersten Elektro-Busse testen, die keinen Fahrer mehr benötigen, also völlig autonom unterwegs sind. Das finde ich ziemlich spannend. In einer Smart City ginge dieses Konzept aber noch weiter: Nicht nur die Busse wären fahrerlos, es bräuchte auch niemand mehr ein eigenes Auto, weil man stattdessen per App Robotertaxis – selbstständig fahrende Fahrzeuge also – bestellen könnte, die einen von A nach B bringen. Diese Fahrzeuge wären in der Lage, selbstständig Verkehrsinformationen untereinander auszutauschen und ihre Route je nach Verkehrslage eigenständig zu optimieren. Das Risiko eines Verkehrsinfarktes wäre dadurch viel geringer.  Weil die Elektrotaxis außerdem mit einem Elektromotor betrieben werden würden, würde auch die Umweltbelastung reduziert werden.

Die Mobilität ist allerdings nur ein Teil, der das Konzept Smart City ausmacht. Ganz allgemein gesprochen hebt sich eine smarte Stadt von anderen Städten dadurch ab, dass sie in ihrer Entwicklung auf aktuelle technische Innovationen setzt, um effizienter, nachhaltiger und für ihre Bürger gesünder zu sein. Dazu gehören neben der Mobilität auch die Bereiche Energie, Stadtplanung, Verwaltung und Kommunikation, die so miteinander verknüpft werden, dass die Lebensqualität für die Bewohner der Stadt spürbar steigt. Diese Smart City basiert auf einer robusten und ausfallsicheren Infrastruktur, besonders bei der Stromversorgung und der IT-Infrastruktur, zu der nicht nur redundante breitbandige Glasfaserleitungen gehören, sondern auch IP-Adressen und Internetadressen.

Wie gut aufgestellt ist Deutschland, was das Konzept der Smart City betrifft?

Ich würde durchaus sagen, dass vor allem in der Breite Nachholbedarf besteht, vor allem in mittelgroßen Städten ab 50.000 Einwohnern. Unsere Metropolen wie eben Berlin, aber auch Hamburg oder Köln, sind da schon experimentierfreudiger und teilweise auch erheblich weiter.

Und wie weit sind andere Länder?

Das Thema Digitalisierung hat sich in Europa höchst unterschiedlich entwickelt. Oftmals kann man es gar nicht am Land selbst festmachen, es sind einzelne Städte, die sich mit besonderen Projekten hervortun. Ein schönes Beispiel dafür ist Darmstadt, das einen von BITKOM ausgerufenen Wettbewerb für sich entschieden hat und jetzt als erste deutsche Stadt den Titel „Digitale Stadt“ tragen darf.

In Europa sind Barcelona, Wien und Kopenhagen beim Thema Smart City schon recht weit. Nur gilt das eben für die einzelnen Städte und nicht für alle Städte in den entsprechenden Ländern. Eine Ausnahme bildet hier Skandinavien, das auch beim digitalen Bezahlen absoluter Vorreiter ist. Bargeld wird hier kaum noch benötigt, selbst die Kollekte in der Kirche werden über die Kreditkarte abgebucht. So etwas ist in Deutschland noch undenkbar.

Im Bereich des DNS, also Domain-Namen-Infrastruktur, ist Deutschland weltweiter Vorreiter. So gibt es in keinem Land mehr lokale Internet-Endungen als bei uns, von den Stadt-Endungen .berlin, .cologne, .hamburg und .koeln über die regionale .ruhr bis hin zu den Bundesland-Endungen .bayern, .nrw und .saarland.

Eine Smart City soll großstadttypische Probleme wie massives Verkehrsaufkommen oder eine belastete Umwelt besser bewältigen können. Ist das Konzept der smarten Stadt für kleinere Kommunen, die vor weniger große Herausforderungen gestellt werden, damit unbrauchbar?

Es stimmt, dass einwohnerärmeren Gemeinden und Dörfern schon aus Prestigegründen von Politik und Wirtschaft weniger Beachtung geschenkt wird. Unbrauchbar ist das Konzept der Smart City deshalb aber für sie noch lange nicht – und vergessen, wie es zum Beispiel beim Breitbandausbau passiert ist, werden sie auch nicht. Da kleine Kommunen zumeist einem Ballungs- oder Metropolraum zugeschrieben werden, werden ihre Interessen im Rahmen der Diskussion um smarte Regionen aufgegriffen und berücksichtigt. Oftmals sind das lokale Initiativen und Zusammenschlüsse, mit denen sich Gemeinden und Dörfer intelligent und digital mit Städten und Metropolen vernetzen. Ein Beispiel hierfür ist die Internet-Endung .ruhr, die die Großstädte des Ruhrgebiets und alle Gemeinden in eine gemeinsame Internet-Kommunikationsinfrastruktur einbezieht. Hierbei geht es auch um kommunikative Aspekte: Während viele Smart City Aktivitäten weitgehend unsichtbar sind, sehen Bürger die neuen, intuitiven Internetadressen mit dem Namen ihrer Stadt oder Region jeden Tag und haben das Gefühl, dass sich tatsächlich etwas Positives tut bei der Digitalisierung.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, damit wir in Deutschland wirklich digital und smart werden können?

Die wichtigste Voraussetzung, damit alle Aspekte einer Stadt digital miteinander vernetzt werden können, sind Bürger, die damit auch umgehen können, also digital souverän sind. Von der Politik wird das aber leider immer noch  ausgeblendet. Dabei wird es ohne digital versierte Lehrer und Eltern für die nachwachsende Generation schwer, denn woher soll sie ihr Wissen bekommen? Auch die aktuell größte Bevölkerungsgruppe, die ins Alter kommende Babyboomer-Generation, ist digital längst nicht so bewandert, wie es im Rahmen einer Smart City nötig wäre.

Um die digitale Vernetzung nachhaltig in den Köpfen der Bevölkerung zu verankern, ist es aus meiner Sicht auch wichtig, dass überall der Name der Stadt, Kommune oder Region dran- oder draufsteht. Ein eigener Adressraum, wie er nur durch eine gleichnamige Internet-Endung dargestellt werden kann, hilft ungemein, um Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen. Um konkret zu werden: Eine Internetadresse wie www.bürgerkonto.kiel ist viel intuitiver und schafft daher ungleich mehr Akzeptanz als www.bürgerkonto-kiel.info. Das haben Studien, wie z. B. vom Verband der Internetwirtschaft (eco e.V.) bereits gezeigt.

Genauso wichtig ist aber auch eine sichere und stabile digitale Kommunikationsinfrastruktur und eine digitalisierte Verwaltung, die sich als moderner Dienstleister für die Bürger versteht. Daneben muss es aber auch ein technologie- und experimentierfreundliches Klima geben, denn Fehler sind nun einmal unvermeidlich.

Die Umsetzung einer Smart City ist ein Mammutprojekt. Wer soll die Kosten für die notwendigen Digitalisierungsmaßnahmen tragen?

Bislang tragen Städte und Kommunen einen Großteil der Kosten selbst. Zahlreiche Fördermöglichkeiten gibt es zwar heute schon, sie sind im Kontext der Bedeutung von smarten Städten für unsere Zukunft aber insgesamt zu wenig und auch nicht flexibel genug. Hier würde ich mir wünschen, dass EU, Bund und Länder mutiger sind und sich zu mehr als Lippenbekenntnissen durchringen können. Wir stellen immer wieder fest, dass Städte lieber große Unternehmen beauftragen, statt auch einmal innovative Startups mit einzubeziehen. Da helfen dann auch kaum Wettbewerbe, bei denen versucht wird, Städten Anreize bei der Finanzierung von Digitalisierungsprojekten zu geben.

Sie erwähnten ja bereits Darmstadt als Träger des Titels „Digitale Stadt“ – hat Darmstadt diese Auszeichnung zu Recht bekommen?

Wir haben uns die Präsentationen der Darmstädter angesehen und sehen hier auf jeden Fall Potenzial für eine digitale Vorzeigestadt der Zukunft. Im Bitkom-Wettbewerb „Digitale Stadt“ hat Darmstadt nicht ohne Grund gewonnen. Besonders gefallen hat uns der integrierte Ansatz der digitalen Infrastruktur, die ein Muss für jede digitale Stadt ist.

Ist es ein Problem, dass derzeit jede Stadt an eigenen Lösungen arbeitet?

Definitiv nein, das ist kein Problem. Stellen Sie sich Smart Cities einfach als eine Art großes Labor vor: Je mehr mit Software- und anderen innovativen Lösungen experimentiert wird, desto besser. Nur so können sich die besten Lösungen herausschälen und dann von anderen Städten übernommen werden. Für Startups sind Smart Cities eine große Geschäftschance und wir hoffen, dass die Städte das auch erkennen und fördern.

Bei der physischen Infrastruktur ist es besser, größer zu denken, denn in der überschaubaren Zukunft werden wir sie – so wie die Städte zurzeit anhaltend wachsen – auf jeden Fall benötigen. Zudem hat jede Stadt natürlich ihre eigenen Besonderheiten und Charakteristika, sodass es auch immer hoch-individuelle digitale Lösungen geben wird.

Eine vollwertige Smart City kann großstadttypische Probleme reduzieren. Gibt es weitere Vorteile?

Ja, das Konzept verfolgt klare Ziele und hat für die Entwicklung einer Stadt viele positive Nebeneffekte. So wird dann nicht nur die Lebensqualität für die Bewohner erhöht, es werden auch mehr Touristen als Besucher gewonnen. Außerdem stärkt ein gut umgesetztes Konzept eine Stadt auch als Wirtschaftsstandort, weil sie dadurch auch für Arbeitskräfte und Investoren attraktiv wird. Hierfür ist eine leistungsstarke digitale Infrastruktur nötig – dazu gehört beispielsweise eine Breitbandanbindung, aber auch eine eigene Internet-Endung für die Stadt, unter der sich digitale Angebote sammeln und intuitiv zugänglich sind.

Was wären die Folgen, wenn Deutschland, die Bundesländer, Städte und Kommunen die Digitalisierung zu zögerlich angehen?

Deutschland kann es sich schlichtweg nicht leisten, den digitalen Wandel zu verschlafen. Wir stellen heute schon die Weichen für die Zukunft, ob wir wollen oder nicht. Und wir entscheiden auch, ob die nächsten Generationen weiter im gewohnten Wohlstand leben können.

Deutschland ist zwar heute noch eine große Exportnation – allerdings nur bei nicht-digitalen Gütern wie Autos oder Maschinen. In der rasant zunehmend digitalen Welt von Morgen wird es daran aber immer weniger Bedarf geben. So exportieren andere Nationen bereits ein Drittel Ihrer Güter als digitale Güter.

Und noch einmal: Der Bürger muss als Mensch, Konsument, Wähler usw. im Mittelpunkt der digitalen Transformation stehen, besonders natürlich in den smarten Städten. Denn die smarten Städte stehen dabei im weltweiten Wettbewerb um Investitionen, Talente und auch Bürger.

Kommentar verfassen